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Leseproben
 

Genius loci Vierzehnheiligen

Es gibt Orte oder Plätze, die wie in einem Brennspiegel Vergangenheit und Zukunft in der sich bewegenden Gegenwart spiegeln und so die historische Entwicklung immer wieder neu auf den Punkt bringen, so wie Jerusalem über die Jahrtausende als Stadt die drei großen Weltreligionen in ihrer unheilvollen Verstrickung aber auch in ihrer friedens- und versöhnungsstiftenden Wirkung symbolisiert. Der Gedanke der Weltstadt Jerusalem, als Symbol der Hoffnung den Konflikt der Religionen und der Kulturen im Vertrauen auf neue Wege dennoch überwinden zu können ist heute aktueller denn je. Ein solcher Ort in Europa ist die Kirche von Vierzehnheiligen.

Gestiftet als Friedens- und Wallfahrtskirche nach dem Ende des sächsischen Bruderkrieges 1451, der mit äußerster Brutalität geführt worden war und gerade auch hier eine Spur der landschaftlichen und menschlichen Verwüstungen hinterlassen hatte steht sie als Symbol und Mahnung.

Über Jahrtausende hat sich die Entwicklung mehr oder weniger blutig über den Acker der Geschichte gewalzt. Aber immer erst die Stiftung des Friedens ließ auf den solcher Art vorbereiteten Acker Pflanzen der Kultivierung und Humanisierung der menschlichen Zivilisation wachsen. Die Stiftung des Friedens wurde so immer wieder zum Geburtsakt von Kultur und Fortschritt aus den Wirren der Zerstörung heraus.

Die Kirche von Vierzehnheiligen steht mit ihrer Gründung als Wallfahrtskirche für die Besinnung auf die kultivierenden Kräfte der Menschen, die jeder geschichtlich konkreten Situation innewohnen und die es mit zivilisatorischen Mut und pflegender Geduld immer wieder neu zur Geltung zu bringen gilt.

Die Wallfahrt zum Frieden bedeutete auch immer die Suche nach neuen Wegen und die Gewinnung von Vertrauen in diese neuen Wege, ohne die kein Mut sein kann, sie zu gehen. Symbolisch steht so diese Kirche für ein Phänomen der menschlichen Entwicklung, das die Kultivierung des Menschen und seiner strukturellen und kommunikativen Beziehungen erst möglich macht: Auf alten Wegen im Vertrauen auf (Gott, ein göttliches oder natürliches Prinzip, eine Idee oder Utopie und auf sich selbst) kommend, sich der eigenen Kräfte im nicht faßbaren Zeitenstrom in einer konkreten räumlich-zeitlichen Konstellation bewußt und gewiß zu werden und so neuen Wegen zu vertrauen. Kultureller Fortschritt.

Und auch fast symbolhaft steht diese Kirche wiederum an einer Schnittstelle der Geschichte im Zentrum des Geschehens, am 14. Oktober 1806. An diesem Tag begann auf den Feldern rund um diesen Ort in einer blutigen Schlacht das neue Europa, auch wenn sich die Akteure dieser Tatsache keineswegs bewußt gewesen sind.

An diesem Tag starben beim Aufeinandertreffen der napoleonischen und der preußisch-sächsischen Truppen auf dem Hochplateau bei Jena zwischen den Orten Cospeda, Lützeroda, Isserstedt, Vierzehnheiligen, Krippendorf,Altengönna, Lehesten, Rödigen und Closewitz ca. 7.500 Preußen und Sachsen und zwischen 7.000 und 8.000 Franzosen. Die Neuordnung Europas, die Jahre später auf dem Wiener Kongreß ihr erstes Gesicht zeigte und auf deren Schultern wir heute stehen wurde wiederum mit einem hohen Blutzoll bezahlt und das vor dem Altar der Friedenskirche in Vierzehnheiligen. Der Abend der Schlacht als Morgen des Friedens, die Erschöpfung des Krieges als Kraftquell für den Frieden. Das Mißtrauen der Gegener als Chance für das gegenseitige Vertrauen.

Die Kirche von Vierzehnheiligen steht für diesen Gedanken: Wenn die Waffen sinken wird das aufziehende Schweigen über die Zeiten tödlicher, als der Waffengang selbst, wenn sich nicht der Gedanke der Versöhnung des abziehenden Pulverdampfes bemächtigt und auf dem blutigen Acker die Pflanze des Verstehens und des Vertrauens in neue Wege in den Boden gesenkt wird. Friedensstiftung, Kulturstiftung.

Der Weg nach Europa braucht solche neue Wege und ein solches Vertrauen, damit Frieden und Kultur gestiftet werden kann und er braucht solche Orte, die diese Wege symbolisieren können, von denen eine Initialzündung ausgeht .Das neue gemeinsame Europa kann nicht als Wirtschafts- und Währungsunion daherkommen. Auf diesen alten Wegen kann nur der Acker gewalzt werden, auf dem Pflanzen wachsen können, könnten, so muß man sagen. Es braucht die Stiftung des Friedens, des Vertrauens zwischen den Menschen.

Gerade die Ostdeutschen haben aus eigener, teilweise auch bitterer Erfahrung im Prozeß der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verstehen gelernt, daß Menschen zueinander kommen müssen, damit Kulturen sich begegnen, Vertrauen in neue Wege entstehen kann.

Nach der Einführung des Euro und der nun anstehenden Osterweiterung der EU braucht Europa diesen Stiftungsgedanken der Kultivierung und Humanisierung, braucht die Kommunikation und den Austausch der Erfahrungen und Traditionen, damit sich Europa nicht an dem Unverständnis verschiedener Befindlichkeiten zerreibt. Diese Gefahr ist nicht nur hypothetisch, sondern real.

Die Kirche von Vierzehnheiligen ist ein nahezu idealer Ort, um in Erinnerung an die Geschichte und aus ihr heraus an eine mögliche Zukunft den Stiftungsgedanken Vertrauen zu verbreiten.

Menschen aus Wirtschaft, Politik und Kultur zusammenzuführen, die bereit und willens sind neue Wege zu antizipieren und das Vertrauen auf diese nach Europa zu tragen, ein geschichtsträchtiger und deshalb zukunftsträchtiger Akt an einem geschichtsträchtigen und deshalb zukunftsweisenden Ort. Vierzehnheiligen als Ausgangspunkt und Symbol für die Europäisierung Europas.

Neue Wege und ihr Vertrauen darauf brauchen solche Symbole von dem ein genius loci ausgeht, Ankerplätze in den Zeiten, an dem sich dieses Vertrauen festmachen kann, so daß sie im Alltag der Kulturen erhalten bleiben und zivilisatorisch wirken können.

Dr. Michael Schäf


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